Die Shtandart ist eine einzigartige historische Replik und gehört zu den wenigen noch betriebenen hölzernen Rahseglern. Exakte Nachbauten historischer Schiffe, die keine Museumsexponate sind, sondern aktiv die Meere befahren, sind extrem selten geworden.
Die Shtandart wurde in Sankt Petersburg nach historischen Schiffbautechniken von Grund auf neu gebaut und orientiert sich am Entwurf der ersten Fregatte aus der Flotte Peters des Großen von 1703.
Was die Shtandart besonders macht, ist nicht nur ihre historische Genauigkeit, sondern vor allem das echte Leben auf See: Sie ist fast durchgehend auf dem Meer unterwegs und nimmt Menschen jeden Alters an Bord, die sich für das Segeln begeistern oder das Abenteuer suchen. Indem die Crew die historischen Segel hisst, hält sie das maritime Kulturerbe und das überlieferte Wissen der Seefahrt lebendig.
Gegen alle Widerstände gebaut
Im Zentrum der Shtandart steht nicht der finanzielle Gewinn, sondern das Engagement von Menschen mit einer Leidenschaft für aktiv gelebte maritime Geschichte – getragen von Entschlossenheit, Ausdauer und dem Glauben an eine gemeinsame Idee.
Der Bau des Schiffes war eine außergewöhnliche Herausforderung.
Er erforderte, das weitgehend verloren gegangene Wissen des hölzernen Schiffbaus des 18. Jahrhunderts neu zu erschließen und anzuwenden: das Fällen großer Eichen- und Lärchen, ihre Verarbeitung, das manuelle Einpassen der Spanten sowie den Aufbau eines wasserdichten Holzrumpfes aus Planken. Diese Fähigkeiten werden heute in dieser Art kaum noch vermittelt.
Während der Bauphase stieß das Projekt auf erhebliche Skepsis von maritimen Fachkreisen, darunter Klassifikationsgesellschaften und Behörden. Der Nachweis, dass ein traditionell gebautes Holzsegelschiff sicher betrieben werden kann – auch wenn es nicht vollständig modernen Regelwerken entspricht – war ein langwieriger Prozess, der sich über viele Jahre erstreckte.
Hinzu kamen Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit sowie Auseinandersetzungen um die Möglichkeit, das Schiff frei auf See zu betreiben. Die Grundprinzipien des Projekts – Unabhängigkeit, Eigenverantwortung und eine bewusste Entscheidung für den eigenen Lebensentwurf – trafen nicht überall auf Zustimmung.
Dass die Shtandart bis heute existiert, ist dem Engagement ihrer Crew zu verdanken, die diese all dies praktisch umsetzt.
Das Schiff wurde weitgehend ohne gesichertes Budget durch die Arbeit eines ehrenamtlichen Teams gebaut. Finanzielle Unterstützung – insbesondere aus den Niederlanden, England und Russland – kam erst in einer späten Phase des Projekts hinzu.
Seitdem ist die Geschichte der Shtandart von kontinuierlicher Weiterentwicklung geprägt – getragen von Teamarbeit und der gemeinsamen Begeisterung für das Meer und die maritime Tradition Europas.
Ein Schiff des praktischen Lernens
Im Unterschied zu vielen historischen Nachbauten ist die Shtandart kein Museumsobjekt, sondern dauerhaft im Einsatz. Sie nimmt an Festivals, öffentlichen Veranstaltungen und Filmproduktionen teil und unternimmt längere Seereisen.
Eine kleine Stammbesatzung sowie wechselnde freiwillige Trainees
- betreiben das Schiff
- sorgen für Wartung und Instandhaltung
- entwickeln ihre eigenen Fähigkeiten und geben ihr Wissen weiter
So entsteht ein durchgängiger Lernprozess:
- praktische Seemannschaft und maritime Traditionen
- Umgang mit historischen Masten und Takelage
- Instandhaltung und Reparatur eines hölzernen Schiffsrumpfes
Die Shtandart ist somit ein praktischer Erfahrungsort maritimer Geschichte, in dem Wissen nicht nur vermittelt, sondern unmittelbar angewendet wird.
Der wichtigste Aspekt geht jedoch über das rein Technische hinaus.
Die Zeit an Bord wird für viele zu einer besonderen und prägenden Erfahrung. In der gemeinsamen Arbeit unter realen Bedingungen lernen die Teilnehmenden, Verantwortung zu übernehmen, sich aufeinander zu verlassen und als Team zu funktionieren – in einem Umfeld, in dem Kooperation entscheidend ist.
Unterschiede in Sprache, Alter oder Herkunft treten dabei in den Hintergrund. Wichtig ist, dass jede Person ihre Aufgabe erfüllt und zum gemeinsamen Funktionieren des Schiffes beiträgt. Vertrauen und Koordination werden so nicht als abstrakte Konzepte, sondern als Voraussetzungen des Lebens auf See erfahrbar - so grundlegend und natürlich wie Wasser und Wind.
Gemeinschaft
Die Shtandart wird von einer internationalen, freiwilligen Crew getragen.
An Bord kommen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen:
- erfahrene Seglerinnen und Segler
- Einsteigerinnen und Einsteiger
- Menschen auf der Suche nach neuen Erfahrungen
- Interessierte an einer maritimen Laufbahn
Das Leben an Bord ist durch aktive Teilnahme geprägt:
- Arbeit an Segeln und Takelage
- Betrieb des Schiffes
- Navigation
- Nachtwachen
Alle Teilnehmenden sind Teil der Crew – keine Gäste.
Erfahrene Offiziere geben ihr Wissen weiter und passen die Ausbildung an die jeweiligen Vorkenntnisse an. Viele ehemalige Teilnehmende schlagen später eine professionelle Laufbahn in der Seefahrt ein und sehen ihre Zeit auf der Shtandart als Ausgangspunkt.
Ein reisendes Schiff, eine lebendige Praxis
Seit 1999 ist die Shtandart auf verschiedenen Meeren unterwegs – von der Ostsee bis ins Mittelmeer.
In vielen Häfen besteht die Möglichkeit, das Schiff zu besichtigen und einen direkten Eindruck von historischen Schiffbau- und Segeltraditionen zu gewinnen.
Die Shtandart ist dabei kein statisches Erinnerungsobjekt, sondern Teil einer lebendigen Praxis. Sie verbindet historische Formen mit gegenwärtiger Nutzung und wird durch jede Reise, jede Crew und jede Etappe weitergeführt. .
An Bord wird Wissen nicht abstrakt vermittelt, sondern im Handeln erfahrbar – im Zusammenspiel von Wind, Arbeit, Verantwortung und Gemeinschaft. Die Shtandart ist damit kein Denkmal, sondern ein Schiff im Betrieb – und bleibt es, solange Menschen bereit sind, diese Praxis weiterzutragen
